Das
weiße
Schloss

Roman Berlin Verlag

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Meine Mutter war noch eine Mutter, wie sie im Buche steht...

Meine Mutter war noch eine Mutter, wie sie im Buche steht, dachte Ada und drückte aufs Gas, ich werde keine mehr sein. Vor ihnen lag die schmale Landstraße, die Stadt hatten sie längst hinter sich gelassen, und die Zahl der entgegenkommenden Fahrzeuge nahm stetig ab.

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Meine Mutter war noch eine Mutter, wie sie im Buche steht, dachte Ada und drückte aufs Gas, ich werde keine mehr sein. Vor ihnen lag die schmale Landstraße, die Stadt hatten sie längst hinter sich gelassen, und die Zahl der entgegenkommenden Fahrzeuge nahm stetig ab. Mit einer Hand steuerte sie das Cabrio, mit der anderen zog sie die Nadel aus ihrem Zopf und legte sie in die kleine Ablage hinter dem Schalthebel, unter das defekte Kassettendeck. Sie genoss es, den Zusammenhang zwischen der Bewegung ihres Fußes und der Geschwindigkeit zu spüren, die sich in der Schärfe des Luftzugs bemerkbar machte und vibrierend in ihre Muskulatur überging. Also variierte sie das Tempo, ließ kurz den Motor aufheulen und den Wagen dann dahinrollen, bis er niedrigtourig fast ins Stocken geriet und sich die Härchen auf ihren Armen wieder legten. Ebenso mochte sie es, wie Yves sie dabei beobachtete, als hätte er Angst, sie könnte ihm entwischen.

Manchmal bedauerte sie es, keinen Penis zu haben. Es wäre so viel leichter: Yves könnte sich rüberbeugen und ihr den Kopf zwischen die Beine schieben. Stattdessen tänzelte seine Hand über ihren rechten Oberschenkel, strich über die Stoffhose, deren obersten Knopf er längst geöffnet hatte, um mit seiner Hand hineinzufahren, bis sie anfing zu schwitzen. Würde er sein Sperma in den nächsten Tagen nicht noch benötigen, sie hätten vielleicht einen Zwischenstopp eingelegt. Ihr gemeinsames Sexleben diente einzig und allein einem persönlichen Vergnügen, befreit von primitiven Instinkten.

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Eltern, das sind die anderen

Die Nachkommenschaft ist doch ohnehin ein ungewöhnliches Gebilde, oder? Der Charakter der Paarverbindung, Ihre Liebe, ist in höchstem Maße willkürlich. Wie steht es um die Möglichkeit des Zustandekommens genau Ihrer Liebesbeziehung? Warum fiel Ihre Wahl auf diese eine Person unter Milliarden?

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»Die Nachkommenschaft ist doch ohnehin ein ungewöhnliches Gebilde, oder? Der Charakter der Paarverbindung, Ihre Liebe, ist in höchstem Maße willkürlich. Wie steht es um die Möglichkeit des Zustandekommens genau Ihrer Liebesbeziehung? Warum fiel Ihre Wahl auf diese eine Person unter Milliarden? Eigentlich darf man darüber gar nicht nachdenken, oder? Begegnet man Liebe mit Logik, wird sie beliebig, und man gesteht sich ein, dass man eigentlich nur zu faul war weiterzusuchen. Auf der anderen Seite ist Ihre Verwandtschaft , Ihr biologisches Erbe, unabwendbar. Ihr Kind setzt sich zu gleichen Teilen aus Ihren Dispositionen zusammen. Wie soll man ultimative Willkür und ultimative Determiniertheit kombinieren? Wie soll ein Leben das aushalten? Ein unlösbares Rätsel, nicht wahr?«
Ada und Yves blickten einander an, als die Direktorin sich wieder setzte. Ihre Frage war rein rhetorischer Natur, das war ihnen allen bewusst.

»Wir im Weißen Schloss betrachten die Tragemutter nach der Geburt nicht als ausgedienten Behälter, der Ihnen Ihr Kind übergibt. Sie gehen vielmehr eine enge Verbindung miteinander ein. Und gleichzeitig achten wir darauf, dass die Rollen in dieser Verbindung klar verteilt sind. Als Auftragspaar werden Sie das Kind aus Ihren Gedanken gebären, bei Ihnen liegt die Intention der Geburt. Die Tragemutter wird monatlich entlohnt, so hat sie nicht das Gefühl, bloß ein Produkt zu liefern, sondern eine kontinuierliche Leistung zu erbringen. Sie kann aus Berufung eine Mutter auf Lebenszeit sein und wird dabei gut versorgt. Wir sind der Überzeugung, damit eine faire Antwort auf die Fragen und Bedürfnisse aller Beteiligten gefunden zu haben.«

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Delft , ein schöner Herbst­tag 1677

Antoni van Leeuwenhoek traute seinem Auge nicht. In der Flüssigkeit, die er unter dem Mikroskop begutachtete, schwammen – Gott im Himmel, wimmelten! – unzählige kleine Tierchen umher. Der Forscher ging einige bedächtige Schritte in seiner Kammer und blickte durch das kleine Fenster auf die Straße, wo ein Pferdewagen über das Kopfsteinpflaster ratterte.

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Antoni van Leeuwenhoek traute seinem Auge nicht. In der Flüssigkeit, die er unter dem Mikroskop begutachtete, schwammen – Gott im Himmel, wimmelten! – unzählige kleine Tierchen umher. Der Forscher ging einige bedächtige Schritte in seiner Kammer und blickte durch das kleine Fenster auf die Straße, wo ein Pferdewagen über das Kopfsteinpflaster ratterte. Porzellan zersprengte auf dem Boden. Wie sollte er sich so konzentrieren?

Immer wenn er seinen Geist auf etwas richten wollte, setzte er sich auf den dunklen Holzstuhl in der Ecke seines Arbeitszimmers und blickte auf das Bild, das Jan von ihm gemalt hatte. Zwar zeigte es ihn nicht als ihn selbst, er hatte lediglich Modell gestanden, doch seine Profession als Hersteller von Lichtmikroskopen hatte natürlich einen gewissen Bezug zu dem Astronomen auf Vermeers Gemälde. Ein Mann in seinen frühen Dreißigern, mit schulterlangen Haaren und in ein blaues Gewand gehüllt, griff nach dem Himmelsglobus, als gedenke er, ihn zu drehen. Auf seinem Schreibtisch, der vom gelbwarmen Licht des Spätnachmittags beschienen wurde, lag ein aufgeschlagenes Notizbuch, wie er selbst eines besaß. Wieder durchfuhr es ihn. Wie man die Welt ansah, ohne wirklich hinzuschauen! Van Leeuwenhoek verstand erst jetzt die Parallele, die der Maler schon vor fast zehn Jahren zu ahnen schien. Der Astronom vermaß den Himmel, entdeckte Sterne und Galaxien mit seinen Linsen, er selbst wirkte ins Kleinste, die Animalcula!

Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter die Kinder zur Welt bringen und großziehen. Elternschaft ist hier Beruf und folgt einem alles bedenkenden Konzept unter den Vorzeichen Bio und Fair Trade. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf ihrem Weg zum Elternwerden, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung. Im Stile von Kazuo Ishiguros »Alles, was wir geben mussten« stellen sich wichtige Fragen unserer Zeit in eigener Versuchsanordnung: Ab wann ist Bindung ein Verlust von Freiheit? Was ist Familie? Sind die tradierten Rollenbilder von Mutter und Vater verhandelbar?

  • Das weiße Schloss
  • Roman
  • Erschienen am 01.08.2018
  • 304 Seiten
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • ISBN 978-3-8270-1385-9

»Ein packender, sprachlich brillanter Zukunfts-Roman.« – NDR Kultur

»Ein hochinteressanter – ein reifer erster Roman.« – Hamburger Abendblatt

»Wahnsinnig provokant und das mit Absicht.« – Radio Eins

»Beachtliches Debüt« – Deutschlandfunk

CHRISTIAN DITTLOFF, geboren 1983 in Hamburg, studierte dort Germanistik und Anglistik. Wä̈hrend des Studiums arbeitete er in einer Psychiatrie sowie als Kulturjournalist. Anschließend studierte er Literarisches Schreiben in Hildesheim. Seit 2014 arbeitet er im Marketing der Komischen Oper Berlin. Christian Dittloff lebt, arbeitet und schreibt in Berlin. »Das Weiße Schloss« ist sein erster Roman.


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BIBLIOGRAPHIE

Ich konnte diesen Roman nur schreiben dank der mutigen, interessanten, bereichernden Arbeiten zahlreicher Autorinnen und Autoren, die unter anderem zu Reproduktionsmedizin und Geschlechterverhältnissen geforscht haben. Ich bin ihnen sehr dankbar, denn durch ihre Arbeiten konnte ich neue Horizonte und Denkweisen erlangen. Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern stellt einige der für meinen Roman wichtigsten Werke zusammen.

  • Elisabeth Beck-Gernsheim: Die Reproduktionsmedizin und ihre Kinder. Salzburg/Wien 2016
  • Ulrich Beck: The Metamorphosis of the World. Cambridge 2015
  • Andreas Bernard: Kinder machen – Samenspender, Leihmütter, Künstliche Befruchtung – Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie. Frankfurt am Main 2015
  • Melinda Cooper, Catherine Waldby, Felicita Reuschling, Susanne Schultz: Sie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit – Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert. Erschienen in der Reihe: Kitchen Politics. Münster 2015
  • Meghan Daum: Selfish, Shallow, and Self-Absorbed – Sixteen writers on their decision not to have kids. New York 2015
  • Orna Donath: Regretting Motherhood – Wenn Mütter bereuen. München 2016
  • Silvia Federici: Aufstand aus der Küche – Reproduktions- arbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Erschienen in der Reihe: Kitchen Politics. Münster 2015
  • Dolores Hayden: The Grand Domestic Revolution. Massachusetts 1985
  • Mithu Sanyal: Vulva – Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Berlin 2009
  • Rebecca Solnit: Die Mutter aller Fragen. Hamburg 2017
  • Margarete Stokowski: Untenrum frei. Reinbek 2016
  • Mary Beth Whitehead: A Mother's Story – The Truth About the Baby M Case. New York 1989